Auszug: “Damit ich besser küssen kann”
Ich habe neulich einen schönen Bericht zu einem Buch von Doris Lerche gelesen, welcher mich gleich bewog, dieses Buch „Damit ich besser küssen kann“ bei Amazon zu bestellen. Ihr frischer Schreibstil, das zu sagen, worüber andere gar nicht nachzudenken wagen, bewog mich, mir das Buch ein wenig näher anzusehen. Einen kleinen Auszug möchte ich Euch nicht vorenthalten…
Da drüben fährt er die Straße entlang im dunkelblauen BMW, er fährt zum Sommerfest in seine Firma. Er ist der Chef der Marketingabteilung. Er parkt. Er geht straffen Schrittes hinein ins Labyrinth der Altstadt. Er betritt ein Café. Sein Gesicht strahlt auf. Er setzt sich zu einer Frau.
Mein Herz klopft, sagt er und küsst die Innenfläche ihrer Hand, das kenne ich nicht. Du hast Angst, dass man uns erwischt, scherzt sie. Er schüttelt den Kopf. Wir treffen uns im Café. Was ist dabei. Ich habe immer Herzklopfen, wenn wir uns sehen, sagt sie, dabei tun wir nichts. Wir schauen uns nur an. Und reden, sagt er.
Dabei bist Du gar nicht mein Typ, lächelt sie. Früher verliebte ich mich immer in durchgeknallte Künstler. Alles Normale war mir langweilig. Aber du bist mir nicht langweilig. Trotz deiner Firma. Du bist wie eine Geliebte, sagt er, obwohl wir keinen Sex haben. Ich will nur mit dir reden und dich anschauen. Merkwürdig nicht? Das ist schön, sagt sie. Er hält ihre beiden Hände.
Seine Geliebte hat eine dünne Nase, blasse Wimpern, feines Haar, einen zärtlichen Blick. Warum klopft ihm das Herz? Warum schießen ihm Tränen in die Augen vor Liebe? Was ist mit deiner Frau, fragt seine Geliebte, was fehlt dir mit ihr? Ich weiß es nicht, sagt er, wir kennen uns dreizehn Jahre. Sie ist attraktiv, fröhlich, verlässlich, Wir lieben klassische Musik, wir reisen gern, wir haben noch immer viel Sex – objektiv fehlt mir nichts.
Ich bin gern mit dir zusammen, sagt seine Geliebte, ich rede gern mit dir. Du bist sehr offen. Das gefällt mir. So bin ich nie, sagt er, nur mit dir. Schade, dass es mit meiner Frau nicht geht. Sie kann nichts dafür. Vielleicht solltest du mit ihr reden so wie mit mir, sagt seine Geliebte. Der Sex mit ihr ekelt mich manchmal, sagt er. Ihre verzückte Besessenheit stößt mich ab. Aber so was kann ich ihr doch nicht sagen. Die arme Frau, sagt sie. Verachtest du mich jetzt?, fragt er und presst ihre Hände zusammen. Nein, sagt sie.
Er drückt ihre Hände an seinen Mund. Es liegt an dir, sagt er, mit dir fühle ich mich anders. Wie fühlst du dich mit mir?, fragt sie und schaut ihm fest in die Augen. Ich spüre Dinge, die ich sonst nicht spüre, sagt er, ich sage Dinge, die ich sonst nicht sage. Die Welt ist voller Duft und Farbe, wenn ich mit dir zusammen bin. Ich weiß nicht, ob es gut ist, dass wir uns treffen. Vielleicht riskiere ich meine Ehe, meinen Beruf, meine Zukunft. Vielleicht riskiere ich alles. Aber ich will nicht auf dich verzichten. Er schaut auf die Uhr. Ich muss gehen, leider, sagt er. Sie schmiegt sich an seinen Körper. Er spürt ihre kleinen Brüste.
Da fährt er im dunkelblauen BMW, er fährt zum Sommerfest in seine Firma. Musik empfängt ihn. Ein endloses Büffet begleitet ihn auf dem Weg zu seiner Frau. Sie winkt ihm von Ferne zu, üppig gelockt, im weinroten Kleid. Er arbeitet sich vor zu ihr ohne Kraft, er lässt sich verstricken in kleine Plaudereien hier und da, er lässt sich wegschieben, ablenken, aber endlich steht er vor ihr, die unbefangen mit der Gattin eines Kollegen scherzt. Eine kluge Frau, seine Frau. Aber arglos. Sie glaubt, sie seien ein glückliches Paar. Sie fühlt sich geliebt, begehrt.
Hat sie nicht recht? Er umfasst ihre runden Hüften. Und jäh überfällt ihn eine schwarze Traurigkeit.


